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Alles Theater

Das von Das oder nicht Das von Das.

Das wahrscheinlich bekannteste Zitat der Theatergeschichte lautet ‚Sein oder nicht sein‘. (Die beste Erklärung für diesen kryptischen Hamlet-Text gibt es in diesem Sketch mit Rowan Atkinson und Hugh Laurie)

Leider eignet sich die deutsche Übersetzung schon allein aus gender-emanzipatorischen Gründen nicht zur weiteren Verwendung. „Ihres oder nicht Ihres“ klingt allerdings ebenso unglücklich (konkreter wäre da „Iris oder nicht Iris“, denn da denke ich sofort an meine geschätzte Kollegin, die mir als Getrud im besagten Stück zur Seite stand und mich nach einer schnellen Übernahme des Claudius sanft wie einen dementen König an die richtigen Positionen schob).

Die sächliche und damit geschlechtlich neutrale Form ist mit der ersten identisch, jedenfalls für alle, die es linguistisch konservativ halten. Die kreativen Sprachwissenschaftler sind da experimentierfreudiger. Spüren wir also der scheinbaren Dativ-Konstruktion nach und schauen sinngemäß auch dem Volksmund auf selbigen, dann wäre ein – zugegebenermaßen holprig-umgestelltes – „Das von Das oder nicht Das von Das“ zumindest denkbar, wobei jetzt auch Anklänge von Dada und Realsatire durchschmecken. Zwei Aspekte, die mir persönlich als Ausgangspunkt für alle meine Betrachtungen viel näher am Herzen liegen als jeder sprachliche Konservatismus. (Dass nun mit „Das ist hier…“ auf vier Das ein fünftes Das folgt, ist stilistisch fragwürdig aber an dieser Stelle belanglos.)

Die Verknüpfung von Hochkultur und Unterhaltung ist in unserer Gesellschaft bis heute schwierig. Die eine Seite tendiert zu komplexen Rechtfertigungen, bei der das Vergnügung immer auch eine erzieherische Note verpasst bekommt. Die andere Seite lässt einem kurzen Ausflug in die elitäre Welt der ästhetisierten Vielschichtigkeit reflektorisch ein saloppes „War ja nur Spaß!“ folgen.

Obwohl wir uns mittlerweile im 21. Jahrhundert befinden, haben sich die kulturellen Bedürfnisse keineswegs so emanzipatorisch weiterentwickelt, wie es die politische und kulturelle Bewegung und ihre Ablehnung der Unterscheidung zwischen E und U Ende der 60er Jahre hätte vermuten lassen. Die Postmoderne, die ja in ihrem theoretischen Kern eine solche Unterscheidung quasi als nicht-existent postuliert, indem sie beide der Meta-Ebene einer alles umfassenden Dauerspiegelung unterordnet, somit also den Kulturbegriff als solchen kritisch hinterfragt und eher an dem Wer Wo Wie mit Wem als an dem Was interessiert ist, konnte nicht verhindern, dass es immer noch eine große Anzahl von Menschen gibt, die sich vor allem fragen, in welcher Garderobe sie ins Theater gehen und was sie vorher essen und nachher trinken sollten statt die Gelegenheit zu nutzen, sich Fragen nach dem eigenen Lebensinhalt zu stellen.

Kreuzzwang in Bayern – Kulturimport eines Zeichens

Kreuzzwang in Bayern – Wie der Import eines kulturellen Zeichens die Diskussion um die Frage nach der Zugehörigkeit zu einer Kulturgemeinschaft auf überraschende Weise bereichert.

Die erste Suche bei Google mit der Frage :“ Wo werden die meisten Holzkreuze produziert?“ zeigt mir gleich als ersten Eintrag einen Artikel aus dem Jahr 2011, der in der Augsburger-Allgemeinen erschien.

„Kreuz und quer durch Europa – Friedhofskreuze aus der Türkei“ Darin wird berichtet, dass ein türkischstämmiger bayrischer Unternehmer auf die Idee kam, Friedhofskreuze in der Türkei produzieren zu lassen, weil er damit deutlich mehr Gewinn macht, als wenn er sie in Deutschland herstellen lässt. Die türkischen Mitarbeiter waren anfangs skeptisch und die zuständigen Ämter wussten gar nicht, was da eigentlich produziert werden soll, aber das wirtschaftliche Interesse überwand dann doch den religiösen Zweifel. Das Eichenholz muss für die Produktion allerdings in die Türkei importiert werden. Lediglich die Fertigstellung erfolgt dort, das Material ist also entweder deutsches Holz oder kommt von ganz woanders her – der religiöse bzw. kulutrelle Hintergrund des Holzexporteurs war nicht zu ermitteln. (1)

Im Guardian stand zu dem Kreuzzwang in Bayern nun folgendes zu lesen:

„Tobias Haseidl, one of the few remaining makers of Christian crosses in Bavaria, said that contrary to some expectations he had not received an increase in orders. He did not support the initiative, he said.

“I’m sure that most officials will buy factory-made crucifixes,” he told the Oberbayerisches Volksblatt newspaper, adding that mass-produced crosses from Asia had dented his trade in recent years.“ (2)

Der bayrische Unternehmer kann sich von dem neuen Gesetz also keinen wirtschaftlichen Zugewinn erhoffen, denn die amtlichen Behörden werden sich aller Voraussicht nach auf Druck des Landesrechnungshofes mit der günstigeren Importware aus Asien eindecken. In Masse produzierte Kreuze aus Asien werden also den Aufhängdrang der Bayern stillen müssen. Söder hat ja mehrfach gefragt und ungefragt erklärt, dass die nun aufgehängten Kreuze nicht als religiöse Symbole sondern als Zeichen einer kulturellen Identität verstanden werden sollen. Warum also sollten diese Zeichen kultureller Zugehörigkeit zur eindeutig abendländischen Gemeinschaft nicht in einer kommunistisch-kapitalistischen (sic!) und in der Hauptsache buddhistischen Kulturgemeinschaft hergestellt werden – nämlich in China.

Sommermärchen

Viel wurde in letzter Zeit geschrieben über die Machenschaften der Fifa. Nachdem Blatter und Platini für ihre Abenteuer in der gegnerischen Hälfte nun Gelb-Rot bekamen, hat auch der DFB das Vertrauen der eigenen Nation durch bedingungsloses Offensivspiel im Schmuddelsektor verloren und wurde aus dem sonst so sicher funktionierenden Zeugenschutzprogramm der deutschen Öffentlichkeit entlassen.

Das Verhalten der älteren Herren dieses Verbandes ist bemitleidenswert. Wie sie sich auf offenem Feld durch beeindruckende Haken, schnelle Kreisbewegungen und weite Sprünge vor den Angriffen durch Medien und Ex-Funktionäre in den nächsten Busch oder das DFB-Museum in Dortmund zu retten versuchen und dabei an todespanische Hasen erinnern, das ist ein Anblick, der mir, selbst Mann im mittleren Alter, geradezu physische Schmerzen bereitet.

Aber ist das alles der wirkliche, wahre Grund dafür, warum wir als Fußballnation wieder an die Spitze der Weltgemeinschaft gelangt sind? Ist es nichts anderes als der schnöde Mamon, der uns diesen Weg gebahnt hat? Sind wir beim ultimativen Bezahlfußball angekommen? Ich glaube nicht.

Warum sind wir nicht endlich ehrlich in diesem Land: Es war diese lebenslustige Demonstration deutscher Tanzkultur und Weltoffenheit, die letztendlich bei vielen der stimmberechtigten FIFA-Mitglieder den Ausschlag für die positive Entscheidung in Richtung WM 2006 gegeben hat.

Sowas vergisst niemand, das hat die meisten der Fußballfunktionäre sicher auch privat in ihrer Lebensführung beeinflusst.

Wer das hier sieht, der schlägt keine Kinder und prügelt keine Hunde, der lässt sich nicht mit Geld und guten Worten bestechen, der wird, um jetzt eine vielzitierte Phrase zu bemühen, einfach ein besserer Mensch.

Ein bestechender Beweis dafür, wie ein gutes Beispiel geradezu lawinenartig und nachhaltig seine Wirkung hinterlässt.

Danke an die Redakteure des aktuellen Sportstudios, die schon in den 70ern wussten, wie die deutsche Sportlerseele wirklich tickt und auf welch unwiderstehliche Art und Weise die nächste WM nach Deutschland geholt werden kann.

Ein Traum? Nein. Ein Märchen!

PS: Nur diese klitzekleine, fast homöopathisch anmutende Frage nach dem gut geplanten Verabreichen von leistungsteigernden Substanzen über zwei Jahrzehnte des sich stetig beschleunigenden Weltfußballs in allen großen Ligen – die steht weiterhin im Raum. Allerdings eher ganz hinten in einer stillen Ecke, wo sie sich bisher noch nicht so Recht Gehör verschaffen konnte.

Renault

„Hör auf damit. Hör jetzt sofort auf! Willst Du jetzt wohl damit aufhören?! Du hörst jetzt sofort auf! Kannst Du nicht hören?!“ (Mein Großvater Rudolf, geb. 1917 )

Mein Großvater konnte damals, als ich sechs oder sieben Jahre alt war und andauernd die Schlüssel zu seinem Schreibtisch entwendete, nicht ahnen, dass ich nach vielen Versuchen, meinem Leben einen sinnvolle Richtung zu geben, mein Studium abbrechen und Schauspieler werden würde. Wie auch? Wie sollte er das Stehlen und sorgfältige Verstecken seiner Schlüssel mit der darstellerischen Ambition in Verbindung bringen, die mich Jahrzehnte später umtrieb? Hab ich schon als kleiner Junge ganz bewusst Konflikte provoziert, um dann zu beobachten, wie Menschen sich verhalten, wenn sie frustriert und hilflos ihrem Schicksal ausgeliefert sind? War das bereits praxisnahes Rollenstudium oder doch nur kindlicher Spieltrieb?

Mein Großvater war trotz seiner starken Kurzsichtigkeit keineswegs ein kurzsichtiger Mann. Die starke Brille, die er tragen musste, um seinen Augenfehler zu korrigieren, bedeutete für mich die Inkarnation der Allwissenheit. Ich träumte davon, so zu sein wie er, auf alles eine Antwort wissend, und ich war fasziniert von der Regelmäßigkeit und Sicherheit seines Lebens.

Ein erster, grober Entwurf meiner Zukunft, in meiner kindlichen Phantasie angefertigt, sah vor, dass ich im Sommer als Steuerberater und im Winter als Skilehrer tätig sein würde. Mein Opa konnte zwar nicht Skifahren, aber als Steuerberater war er einsame Spitze. Ich konnte damals schon ganz gut Skifahren, hatte aber von den komplexen Problemen des Steuerrechts so gut wie keine Ahnung. Die Fertigkeiten des Holzbrettgleitens hatte ich mir während der zwei oder drei Winter in den Dolomiten hart erarbeitet. Eine Hundertpunkte-Karte für den Tellerlift hielt damals ungefähr eineinhalb Stunden. Der Anreiz bestand weniger darin, formschöne Figuren im Schnee zu hinterlassen, als möglichst schnell von oben nach unten zu gelangen. Die zeitliche Relation zwischen der Langeweile im Lift und dem Geschwindigkeitsrausch der Abfahrt an unserem Anfängerhügel muss ungefähr Sieben zu Eins betragen haben, jedenfalls schien uns dieser Tellerlift die denkbar schlechteste Lösung, um das Problem der Beförderung in den Griff zu bekommen. Erst Mitte Zwanzig habe ich damit begonnen, das Skifahren als ein besonderes Erlebnis zu betrachten, welches mich anregt, über die Relation zwischen Mühe und Freude nachzudenken, und ich messe seit meiner ersten Skiwanderung dem Auf eine ebenso große Bedeutung bei wie dem Ab.

Auch im Leben eines Steuerberaters gibt es Auf- und Abs, jedoch mit vertauschter Bedeutung. Im allgemeinen bedeutet das Auf einen Lust- oder Geldgewinn, das Ab im besten Falle noch ein Mehr an Privatleben. Mal sah ich meinen Opa häufig, häufig aber gar nicht. Er arbeitete in einer Firma im Gebirge. Leider nicht in den Dolomiten, sondern im Sauerland. Jeden Tag stand er um fünf Uhr auf, frühstückte mit meiner Oma und fuhr dann um kurz vor Sechs das Auto aus der Garage. Meistens wurde ich früh genug geweckt, um an dem majestätischen Schauspiel teilzuhaben. Dies geschah auf meinen eigenen, ausdrücklichen Wunsch, denn ich wollte meinen Großvater morgens noch einmal sehen, bevor wieder ein langer, langweiliger Tag ohne ihn seinen Lauf nahm.

Aus der Garage kam immer ein Renault. Schwach erinnere ich mich an einen roten R 10, doch es ist mir unmöglich zu sagen, ob er mir wirklichen aus jenen Tagen im Gedächtnis geblieben ist, oder ob ich ihn in den folgenden Jahren so oft auf Fotos betrachtet habe, dass er mich bis zu meinem Lebensende begleiten wird, zusammen mit der braunen Latzhose aus ekligem Kunstleder und den komischen englischen Schuhen, die ich auf eben diesen Fotos trug.

Ich hockte also auf der Fensterbank und schaute zu, wie mein Opa über die Jahre langsam aber sicher einen Renault nach dem anderen aus der Garage fuhr. Mal einen Grünen, mal einen Beigen, und einmal auch einen Zitronengelben, der mir wegen seiner Farbe besonders gut gefiel. Ich belohnte das gelungene Kunststück immer mit einem ekstatischen Winken, das ich erst beendete, wenn die Renaults am Straßenende verschwunden waren. Manchmal, wenn ich nicht so müde war, rannte ich auch ganz schnell aus dem Büro, das über der Garage lag, in den Erker im Wohnzimmer, von wo aus man eine wesentliche bessere Aussicht hatte. So vergingen einige der glücklichsten Jahre meines Lebens.

Von oben sahen alle Renaults komisch aus, sie wirkten irgendwie lang und schmal, und ich musste oft an die starken Winde denken, die im Sauerland über die Brücken blasen. Aber mein Opa wollte nie einer anderen Marke seine Gunst schenken, da konnten seine Bekannten noch so viele Mercedes und BMW fahren. Oder Opel. Ich habe später auch einen Renault besessen, einen Fuego, der Klein-Porsche für Franzosen, den ich über alle Maßen liebte, der aber leider nicht so lange hielt wie die meines Opas. Allein die Heckklappe hätte im Schadensfall mehr gekostet als ein gebrauchter Kadett C. Dafür hatte er keine Sitze sondern Sessel, die ich nach der feierlichen Verschrottung noch eine ganze Weile lang als solche im Wohnzimmer stehen hatte und die mir unter Zivi-Kollegen den Ruf eines Intellektuellen einbrachten.

Beim Versuch, meinen Ford Granada Kombi (Gott hab ihn selig), das ’schwarze Schaf‘ unter den Autos unserer Familie, in die Garage meines Opas zu manövrieren, riss der Auspuff ab, und die vordere Stoßstange hebelte einen der schmalen, roten, querliegenden Steine, die zur besseren Traktion in die Auffahrt eingelassen waren, aus seinem Fundament. Ob die Garage meines Opas mütterlicherseits schon beim Bau des Hauses (Nachkriegsarchitektur) ausschließlich für Renaults angefertigt worden war, habe ich nie herausfinden können. Interessant ist in diesem Zusammenhang aber die Tatsache, dass meine anderen Großeltern, also die Eltern meines Vaters, auch eine Garage besaßen, und dass diese Garage, die übrigens genauso alt ist wie ich, weil das Haus erst kurz vor meiner Geburt fertiggestellt wurde, kaum andere Erfahrungen machen wollte, als Wagen des Typs Renault zu beherbergen. Von einem Paar DAF’s abgesehen, die so klein sind, dass sie in jeder Besenkammer Platz fänden, zusammen mit dem Staubsauger oder dem Bügelbrett, hat sie ausschließlich Renaults den eigentümlichen mütterlichen Schutz gewährt, den Vögel ihren Kleinen im Nest bieten. Auch diese Garage hat aus ihrer Abneigung gegenüber anderen Autos keinen Hehl gemacht. Meine Oma fuhr mit einer solch unglaublichen Präzision und Häufigkeit diese zwergenhaften, holländischen Fahrzeuge gegen die Rückwand, dass keines der beiden länger als ein Jahr hielt. Und dann wurde die Garage mit einem Renault belohnt. Meine Oma sagte einmal zu meinem Opa, sie habe oft das zugegebenermaßen blödsinnige Gefühl gehabt, die Rückwand sei auf sie zugekommen, nachdem der Motor bereits ausgeschaltet gewesen sei. Bis zum Tod meines Großvaters Karl-Heinz fuhren sie einen Fiat Tippo, der bis zum Verkauf zwei Außenspiegel und einen Kotflügel samt Lichtanlage im Kampf um einen regensicheren Platz eingebüßt hatte. Ihr letztes Auto war dann wieder ein Renault. Danach wurde das Haus verkauft.

Wenn mein Opa Zuhause blieb, war der Tag gerettet. Ich hatte ihn endlich für mich, konnte ihn nach Herzenslust ärgern, indem ich seine Schlüssel versteckte, so dass er seine Akten nicht aus dem Schrank holen konnte, oder fiel ihm sonst wie auf den Wecker. Ich lernte früh, was es bedeutet, erpressbar zu sein, und ich zog früh meinen Nutzen daraus. Wir hatten also eine Menge Spaß, vermute ich mal.

Bären

Apropos Bären.

Bernhard Grizmek, dieser großartige Tierliebhaber mit dem besonderen Ton – hier der Klassiker: Loriots „die Steinlaus“ – schrieb über die Braunbären in Alaska: „Die braunen und blonden Riesen versammeln sich hier jedes Jahr etwa von Anfang Juli bis Mitte August. (…) Da wir von früh bis abends zusehen, finden wir heraus, dass er sieben bis acht Fische je Stunde erwischt, insgesamt 62 Lachse am Tag. Zum Schluss isst er nur noch die besten Teile, schließlich fast nur noch den Kaviar.“

Also mal angenommen, Sie wären ein Bär, ob braun oder blond spielt keine Rolle, und gingen um die Ecke in einen gut sortierten Fachhandel für Frischfisch, der im Nebenraum mit kleiner, aber feiner Gastronomie ausgestattet ist. Nun machen Sie es sich dort auf einer der einfachen Holzbänke bequem, so gut es eben geht mit ihrem monströsen Hintern, und bestellen Fish & Chips, wobei sie als echter Gourmet die Tatze heben und mit großzügiger Geste auf die Chips verzichten. So verzehren Sie den Sommer über sieben Wochen lang jeden Tag 62 Lachse, was sie zu einem gern gesehenen Stammgast macht, der von früh bis spät futtert und jeden anderen Besucher kommen und gehen sieht, aber kaum Zeit haben wird zu grüßen, weil der nächste Brocken darauf wartet, mit Kopf und Schwanz verputzt zu werden.

Vorausgesetzt, der Besitzer des Ladens kommt mit der Lieferung hinterher und hat dafür einen zuverlässigen Großhändler an der Hand, werden Sie zum Sommerende 42 mal 62 frische ausgewachsene Lachse verspeist haben, also 2600. Bei einem Durchschnittsgewicht von 8 Kilo pro Lachs und einem Kilopreis von 30 Euro für fangfrische Exemplare müssen sie für ihren Heißhunger 240 Euro pro Lachs hinblättern, womit bei 2600 verzehrten Lachsen die Gesamtrechnung 624.000 Euro beträgt! (Einige Lachse werden bis zu 15 Kilo schwer, da stiege dann die Rechnung auf 1.170.000 Euro. ) Bären sind damit eindeutig den Multimillionären im Tierreich zuzurechnen.

So. Hier knurrt jemand. Ich muss wieder in die Küche, Fische entschuppen.

Variante 2

„Hömma…“

Über das eigene Leben berichten. Da stellen sich unweigerlich ein paar Fragen: Wo fang ich an? Ist mein Geburtsjahr ein guter Anfang? Oder stellt es eher die Wasserscheide dar zwischen familiärer Prägung und eigener Welterfahrung? Und was ist eigentlich Heimat? Ist das ein Ort oder ein Gefühl?

Dortmund in den 60ern. Kohle, Stahl, Malocher. Oder wie mein Opa zu sagen pflegte: Bier, Boxen, Borussia. 1965 ist nicht unbedingt ein bedeutendes Jahr gewesen. Das Haus meiner Großeltern wurde fertig, immerhin. Es war der Traum vom eigenen Heim in einem schönen Vorort, weit weg vom Lärm der Innenstadt. Knapp 50 Jahre später steht es zum Verkauf. Keiner in der Familie möchte es haben. Und sonst so?

Sicher lassen sich viele heitere, ernste, lustige und abstruse Ereignisse finden, die in diesem Jahr passiert sind: Frankreich schießt einen Sateliten namens Asterix ins All (wusste ich nicht), der Vietnamkrieg eskaliert mit der massiven Flächenbombadierung durch die USA, der Meidericher SV (später MSV Duisburg) spielt in der Bundesliga (Bayern München noch nicht), die ersten Fotos eines Embryos im Mutterleib werden veröffentlicht (ich bin es nicht), die Queen besucht West-Deutschland, im Ausschwitzprozess in Frankfurt/a.M. werden aberwitzig milde Urteile verkündet und der Supper Guppy, mein Lieblingsflugzeug aus Kindertagen, absolviert seinen Jungfernflug.

Aber von den vielen Jahrgängen ist der 65er eher einer der unauffälligen. 1964 war der geburtenstärkste Jahrgang des Jahrhunderts. Und 1968 ging als Jahr der Liebe in die Analen der Hippiebewegung ein. An beiden ziemlich deutlich dran vorbei gerauscht. 1961 wurde die innerdeutsche Grenze dicht gemacht. Da war ich noch nicht mal in den wildesten Fantasien meiner Eltern ausgemalt. Und doch bin ich das Resultat einer innerdeutschen Migrationsgemeinschaft.

Meine Großmutter mütterlicherseits musste zunächst ihr herrschaftliches Großanwesen in Masuren verlassen und ‚mit nassen Wolldecken durchs brennende Königsberg‘ (Zitat meiner Urgroßmutter an jedem Sonntag, an dem in großem Familienkreise gegessen wurde), um dann in Tannroda/Thüringen mit meinem Großvater, einem in einer Dorfkneipe aufgezogenen einheimischen Holzfachmann, dessen Vater aus Böhmen eingewandert war, meine Mutter in die Welt zu bringen. Nach der Flucht aus der DDR 1953, die meine Großeltern in offensichtlich weiser Vorausahnung bereits am 2. Juni unternahmen, landeten sie nach einigen Umwegen im östlichen Ruhrgebiet, mitten in Dortmund. Dort traf meine Mutter auf meinen Vater, der zu gleichen Teilen aus einer protestantischen Eisenbahnerfamilie und einer katholischen Beamtensippe stammte. Mein Großvater väterlicherseits war angesichts des Rates seines nicht gerade ökumenisch eingestellten Pastors, meine Großmutter müsse vor der Heirat selbstverständlich zum Katholizismus konvertieren, kurzerhand aus der katholischen Kirche ausgetreten.

So bin ich also ein Viertel Ostpreuße, ein Viertel Thüringer und doch deutlich mehr als die Hälfte ein Kind aus dem Pott. Oder ein Westfale, je nach Sichtweise. Den Ostpreußen in mir hab ich noch nicht gefunden. Es wäre der einzige Rest großbürgerlicher Tradition. Das schreckt dann doch eher ab.

Mein Urgroßvater fuhr das erste Auto im Dorf am großen See in Masuren. Es gibt einen Zeitungsartikel mit Foto über einen Zusammenstoß mit einem Pferdefuhrwerk. Blech rammt Holz, Neu trifft Alt, die Moderne überholt die Tradition. Es entstand nur geringer Sachschaden, das Pferd kam mit einem Schrecken davon. Mein Urgroßvater kaufte einfach ein neues Auto.

Halt. Stimmt alles gar nicht. Sagt meine Mutter. Die waren nicht reich, das war der andere Teil der Familie. Die Cousinen meiner Oma, die hatten als Kinder ein Dienstmädchen und konnten jeden Tag auf den eigenen Pferden reiten. Aber das mit dem Auto, das stimmt. „Ein Horch“, sagte mein Opa immer leicht versonnen und betrachtete das Stück Papier, welches dann wieder in der Kiste mit den Erinnerungsfotos und Sammelstüclen verschwand (darunter auch die Sonderausgabe des Magazins QUICK zum Attentat auf Kennedy).

Meine Oma hat mir oft erzählt, dass mit der Wirtschaftskrise das Vermögen ihres Vaters quasi über Nacht um 90% reduziert wurde. Davor war die Familie für die damaligen Verhältnisse wohlhabend, einige sogar reich. Mein Opa, zu meiner Grundschulzeit ein mittlerweile gut beschäftigter Steuerberater, erklärte mir mit leicht verständlichen Worten, was eine Hyperinflation ist. Ich fand den Gedanken faszinierend. Was für ein Gefühl muss das sein, wenn Du mit einem Korb voller Geld einkaufen gehst und Dich dabei beeilst, weil Du weißt, dass die vielen Scheine mit den vielen Nullen minütlich ihren Wert verlieren? Und dann kaufst Du Eier, Butter, Schmalz und Zucker und backst einen Kuchen, Wert circa eine Million Reichsmark. Den gleichen Käsekuchen, der oft vor mir stand, nachdem meine Oma ihn mit mir gebacken hatte.

In meiner Familie wurde immer viel gebacken und gekocht. Ich weiß nicht, ob das mit dem Wunsch geschah, Tradition aufrecht zu erhalten oder bloße Gewohnheit war. Vielleicht war es nur die einfachste und nahe liegendste Möglichkeit, den Krieg und die im wörtlichen Sinne mageren Jahre danach zu vergessen. Wer sich mit Rüben, Kohl, dünnen Suppen und Ersatzkaffee über Wasser hält, dem wird die bunte Warenwelt westdeutscher Wohlstandsgesellschaftsupermärkte in den 1960ern ein willkommenes kulinarisches Bewältigungsprogramm gewesen sein. Ich habe als Kind am eigenen Leib erlebt, was es bedeutet, wenn die Großeltern den Mangel der Nachkriegsjahre, den sie mit der Tochter erlebten, am einzigen Enkel mit der berühmten ‚guten Butter‘ kompensieren. Heute esse ich keine mehr.

Aber das Kochbuch, welches meine Oma benutzte, das steht bei mir im Regal. Es umfasst etwa 1000 Seiten, und in ihm finden sich all die Rezepte, die längst aus dietätischen Erwägungen oder Gründen des Zeitgeistes in der Mülltonne der häuslichen Kulturgeschichte gelandet sind. Ich hab diese Gerichte nicht nur gegessen, ich habe auch gelernt, wie sie zubereitet werden. Und manchmal backe und koche ich genauso wie früher, obwohl ich gar nichts bewältigen muss. Außer ab und zu eine Heimniederlage des BVB, dann koche ich mit Bier in der Hand weiter. Tradition, Gewohnheit? Wer weiß. Vielleicht ist es auch die Antwort auf die eingangs gestellte Frage: Was ist Heimat? Ein Ort oder ein Gefühl? Für mich ist es vor allem die Kombination aus Geruch und Geschmack und die Handfertigkeit, beides in Form von Klößen oder Kuchen durch langwieriges Arbeiten in der Küche entstehen zu lassen.

Variante 1

geboren und aufgewachsen in der westfälischen Weltmetropole Dortmund, besucht der Sohn einer Kunstpädagogin und eines Musikers zunächst die Grundschule. 1974 folgt ein erstes Schlüsselerlebnis, als der knapp 9-jährige mit Windpocken am Fernseher die WM verfolgt und dabei das de facto-Halbfinalspiel Holland-Brasilien im ein paar Kilometer entfernten Westfalenstadion live durch das geöffnete Fenster mit anhören kann. Das der *BVB 09 zu dieser Zeit hochverschuldet ist, in der Regionalliga rumdümpelt und noch im April im nagelneuen WM-Stadion erstmal eine 0:3 Klatsche ausgerechnet von den Schalkern erhalten hat, interessiert den weltoffenen Bengel im Weltmeistertaumel nicht.

Die 70er Jahre sind geprägt durch Reisen ans Mittelmeer, das Erlernen des Skifahrens in den Dolomiten und – durch Abwanderung des Vaters – ausgiebige Besuche der westlichen Ostsee, genauer Angeln, noch genauer *Wittkiel bei Kappeln. Da sich das familiäre Interesse auf mütterlicher Seite zunehmend gen Orient orientiert, kommt es heiratsbedingt zur Begegnung mit ca. 50 neuen Verwandten in der Türkei. Dort hinterlässt vor allem die Millionenmetropole Istanbul einen bleibenden Eindruck auf den vorpubertären Jungen, der bereits nach wenigen Wochen fließend an die drei Dutzend Wörter türkisch beherrscht und so ohne fremde Hilfe allein im Istanbuler Ortsteil Bostanci Gemüse kaufen kann. In dieser Zeit erlebt er jeweils in den Sommerferien spannende Abenteuer, so die freiwillige Evakuierung Kretas während des Zypern-Konflikts 1974 und die Ausgangssperre in Istanbul nach dem Militärputsch 1980.

Doch sind es nicht die weltpolitischen Großereignisse sondern das Aufkeimen erster Zuneigung zum weiblichen Geschlecht, die ihn Anfang der 80er Jahre in die Arme seines Großvaters treiben, eines Klavierlehrers und Bratschisten bei den Dortmunder Philharmonikern, in der Hoffnung, durch Klavierunterricht beim Großvater als echter Tastenprofi das Herz der gleichaltrigen Klavierschülerin zu gewinnen. Der Versuch schlägt fehl. Enttäuscht wendet er sich dem Sport zu und spielt Handball in einer katholischen B-Jugendmannschaft. Zusätzlich beginnt er nach einem Bierflaschenwurf seines Stiefvaters, der ihn knapp verfehlt, mit dem Karate-Training, um sich zukünftig in der rauen Männerwelt des Ruhrpotts behaupten zu können. Weil es beim Training aber einfach zu brutal zugeht, gibt er den Handball bei den Katholiken wieder auf und bleibt beim zen-buddhistischen Karate.

Schließlich bewirbt er sich für einen Schüleraustausch nach Amerika. Zunächst findet man keine Familie für den eigentlich sympathischen Pazifisten, der noch schnell per Postkarte sein Grundrecht auf Kriegsdienstverweigerung nach Art. 4 Abs. 3 wahrnimmt und nach heutigem Verständnis von glücklich vernetzten Bürgern in eine typisch paranoiden Grundhaltung der frühen 80er Jahre mit einer weiteren Postkarte gleich auch noch die geplante Volkszählung ablehnt. Doch schließlich fasst sich eine erz-republikanische Patchworkfamilie mit vier Autos ein Herz, und so landet der 17-jährige 1983 noch während der ersten Amtsperiode des Präsidentenschauspielers Ronald Reagan – und lange vor dem ersten Auftritt der kreationistischen Volksschauspielerin Sarah Palin – in Fairbanks, Alaska, dem nördlichsten, kältesten, größten und vielleicht merkwürdigsten Bundesstaat der USA. Als sich Reagan und der Papst in Fairbanks am Flughafen treffen, der eine auf dem Rückflug aus China, der andere auf dem Weg nach Japan, spielt seine Schulkapelle ein Ständchen auf dem Rollfeld. Im Flughafengebäude steht dafür nicht ausreichend Platz zu Verfügung. Bei der darauf folgenden Live-Ansprache in der Turnhalle der Universität Fairbanks lauscht er nicht ohne satirisch gefärbte Faszination den patriotischen Worten des amerikanischen Präsidenten, schätzt die Entfernung zum Redner auf etwa 30 Meter und wundert sich, warum ihn der Secret Service vorher nur lustlos und schlampig auf Wurfgegenstände und Waffen untersucht hat. Traut man jungen deutschen Männern etwa keine Gewaltbereitschaft mehr zu? Aber gut, er wirft halt doch nichts und stapft durch den Schnee nach Hause.

Die vielen ungewöhnlichen und lebensprägenden Erfahrungen, die er in Alaska sammelt, helfen ihm nicht zwingend, ein Jahr später sein Abitur in Angriff zu nehmen. Ganz im Gegenteil widmet er sich gleich nach seiner Rückkehr fast ausschließlich der Musik in zwei Dortmunder Bands und besucht neben der Schule als wahrscheinlich jüngster Gasthörer der Uni Dortmund Grundseminare am Englischen Institut. Schließlich gelingt es ihm trotz fehlenden Interesses, sein Abitur mit mäßigem Erfolg abzuschließen.

Die folgenden Jahren, die er gern als ‚Die Dunklen Jahre‘ bezeichnet, bescheren ihm fast 40.000 Kilometer, die er im innerstädtischen Verkehr für den Behindertenfahrdienst der Dortmunder Stadtwerke in einem umgebauten Opel Kadett Diesel zurücklegt. Zeiten des absoluten Stillstands auf Hauptverkehrsadern und im privaten Leben werden abgelöst von nächtlichen Glücksspielexzessen und bis zu sechs warmen Mahlzeiten täglich. Statt der anvisierten Profikarriere als Musiker gibt er die Bandproben auf, verkauft spontan alle Instrumente, um einer bizarren Heiratszeremonie seiner älteren Gastschwester in Alaska beizuwohnen und entdeckt schließlich auf dem Rückflug seine Leidenschaft für hardboiled detective novels und diverse reaktionäre Actionthriller. So liest er sich in den Pausen zwischen der Beförderung Hilfebedürftiger zu Heimspielen des BVB und der Reinigung und Betankung seines Dienstwagens durch sämtliche Werke Chandlers, Hammetts, Macdonalds, Ludlums und weiterer Vertreter der Gattung und träumt von einem Leben als schreibender Akademiker. 20 Monate und 21 Krankmeldungen später verlässt er seine Heimat und schreibt sich in Kiel an der nördlichsten Uni Deutschlands am Englischen Seminar ein, um den Abstand zu Bier und Borussia in Zukunft möglichst groß zu halten. Er wird nie wiederkehren. Aber für den Rest seines Lebens weder vom Bier noch vom Blick auf die Tabelle loskommen.

’not really‘ German

A little while ago a friend of mine send me a link to an article titled ‚Mistranslation and language change: German ’sharing‘. You can read it here.

I enjoyed the article for several reasons. First of all I have been involved with translating English/German off and on for the past 25 years. Secondly, my profession as an actor using both languages has occasionally involved dubbing and voice-over work. Below is my comment on Philipp’s thoughts.

Hi Philipp (that’s also my son’s name, btw), my name is Axel, and I’ve been working as a translator and interpreter since round about 1990.

I take it you are a German native speaker so we have something in common there. Your thoughts on the matter of ’share‘ and ‚teilen‘ are quite awesome as they point out one of those fine lines in the world of translators where no matter how hard you try you just don’t seem to get it right no matter what. And if you’re sure that what you’ve come up with makes perfect sense and also survives several correction phases, the customer might still be unhappy.

Take this group of words, for instance:
control, check, test – steuern, kontrollieren, prüfen.

When I worked in a small office back in the 90s we were doing a job for the Bundeswehr.
The Bundeswehr planned to sell some of their ships to the Australian Navy who in turn used those German ships to compliment a bigger package deal for the Indian Navy. The absurd world of arms deals, National Defense programs and logic in the military community.

We were hired to translate pretty boring stuff, a battleship radar system installed on the ships and originally put together by some Italian engineers. We had to wade through a really bad German manual in order to translate that into English and were wondering after a while who had initially come up with a manual that was verging on the absurd at times for German native speakers but was, after all, still the official manual in use for the Bundeswehr tech guys. Our guess was: An Italian translator.

So after a couple of meetings the Bundeswehr official finally admitted that there was in fact an English version already but that someone on the side of the Australians had refused to accept it as a proper manual because it was so bad. It turned out that the Italian engineers had not bothered with their native language and written their manual in English right from the start – and bad English at that. Then a German press officer had been given the terrible task to translate it into German. Now our job was to come up with an English version that would be acceptable for the Australians. For me as a young English Lit. student the meetings with the Bundeswehr guy were simply enlightening (After all, I am a conscientious objector).

When we pointed out that throughout the clumsy English original ‚control‘ had been generously used for  both ‚steuern‘ and ‚kontrollieren‘, probably because the Italians hadn’t known better, and that this inconsistency had wriggled its way into the German manual, something that was not only wrong but could lead to all kinds of disasters on a battle ship, the Bundeswehr official simple said ‚we’ve been doing it like that for the last 30 years and we’ll continue to do so‘.

He explicitly stated that ‚kontrollieren‘ should be translated as ‚to control‘ and ‚prüfen‘ should become ‚to check’, even though we tried to convince him that it was incorrect. That was the last meeting with him and we were clearly expected to deliver another document flawed by mistakes and imperfection if we wanted to get paid.

And that’s when my boss – a Scot – went home, had a whisky, laughed, and then used the ‚find and replace‘-option in a 2000-page document without so much as a second thought. We had wild fantasies of Indian officers causing a major conflict in a stand-off with the Pakistani Navy because of a manual construed in a kind of ‚Chinese whisper’ fashion and polished for delivery by a team of three translators working out of Kiel, an old port town in the North of Germany. Ah, the pipe dreams of translators…

Another thing that strikes me as noteworthy in the translator’s world of ’supply and demand‘ is the subtle changes in a couple of German phrases and idioms over the years, mainly caused by the need to lip-synch American TV shows. The most prominent of them is ‚nicht wirklich‘ for ’not really‘.

Now, when I was young no one would say ‚nicht wirklich’. The typical way of saying you didn’t fully agree with a statement or answering questions such as „Do you like Goat Cheese?“ was always ‚eigentlich nicht‘. So what happened?

‚Not really’ and ‚nicht wirklich‘ make an awesome pair when it comes to dubbing movies. The syllabels fit nicely, the lips move in a similar fashion, the mouth can stay open at the end. But what about the semantics?

In the English language ‚really‘ is used casually in all sorts of phrases. The German ‚wirklich‘ can be used casually – „Das ist wirklich lustig!“ – but there seems to be a slight tendency to use it in a more serious way, namely to amplify the general gist of an argument, as in ‚Ich hab das wirklich nicht gesehen!‘ And therein lies the problem. ‚Wirklich nicht‘ emphasizes the negative reply to question already asked twice „Did you do that?“ – „No.“ –  „You didn’t do it?“ –  „No, really, I did not do it!“

‚Wirklich nicht‘ is alright and works in a lot of situations. ‚Nicht wirklich‘ however is idiosyncratic. It doesn’t really mean anything somehow. And yet it does, at least today, because it has been around for so long that most people don’t seem to have a problem with it and will readily incorporate it in their speech act. They use it in exactly the same way you would use ‚not really‘, simply because they have seen it on TV so many times that it is synonymous.

And yet, for me as a German native speaker ‚nicht wirklich‘ has all the wrong connotations to make it work as a casual reply to a question about personal taste or a superficial response to, let’s say, the weather. ‚Nicht wirklich‘ smacks of fundamental philosophical thoughts connected to the realm of ‚Wahrheit‘ ‚Wirklichkeit‘ and, of course, ‚Realität‘, of a debate about our perception of reality and ultimately, the subjectiveness of that perception. In the German language there is a difference between ‚Realität’ and ‚Wirklichkeit‘. One is ‚reality‘, the other something like ‚realness‘.

I guess you could come up with a very specific monosyllabic TV sitcom in which two nerds are checking various philosophical theories about the universe, holding up various semi-transparent blueprints with star formations, and finally one proposes that model A is a good contender and shows the other one his chart. „Real?‘, he asks, to which the other one replies: „Not real“. That answer is about the only scenario I can think of where a literal translation „nicht wirklich“ would make sense. So what’s my point?

Over the course of almost sixty years of professional dubbing in the German movie and TV industry, with such iconic shows as ‚Bonanza’, ‚Columbo‘ and ‚Star Trek‘, this industry has changed and reshaped German language possibly more than any other cultural phenomenon (the music industry – especially rap and hip-hop – constituting the other great influence). Not only did the people responsible for the nitty-gritty field work in the dubbing studios have to come up with a German translation that would find equivalents for the socio-linguistic subtleties of American English based on a much more diverse culture due to the nation’s history – immigration for one -, they also had to ‚fit it in‘, as it were, to make it bite-sized so that the German actors would be able to make the German version sound cool and extra sharp. The official German was too formal in its design, too long in its structure and too rich in its semantic substance. Cutting it down was like ‚pimping your ride‘ culturally and the audiences loved it. In fact, there have been a couple of shows that were considered mediocre at best in the original and yet, their German counterparts achieved cult status.

Nowadays, the German language is utilized in many subcultures with a confidence and panache that was unthinkable when I was a kid. I am expecting to get a big NO WAY for the following opinion but the only person I can think of off the top of my head back in the 70s who could make German lyrics sound cool was Udo Lindenberg.

One note-worthy aspect of that change is the influence of second and third generation immigrants who took the liberty to play around with a language that had not been the native tongue of their parents but was one of theirs now. It seems that this freedom to express oneself in one language – when you know how to use two – is linked to the heightened awareness that language is used as a tool first and derives its value as an artistic device only after it has been tried and tested in a real environment.

Any language will – and, arguably, has to – change over time to cope with various challenges in society. For me, it is an interesting side-effect that some of these changes in my native language were brought about by an industry that simply does not exist in other regions of the world – e.g. Scandinavia -, as their audiences will rather watch and listen to the original versions than come up with what I would deem a shrewd art form in itself. Who would want to take away the vocal expressiveness of an actor, one of the most characteristic aspects of acting, and replace it with something that in many instances over-stylizes the performance?

It stands to reason my kids will not agree with me because they cannot recall a time when the global entertainment industry still had to be channeled by intermediaries, such as the dubbing and marketing community, in order to be accessible to mainstream Germany. Today, you go online and simply compare for yourself and in many instances you will choose the original over the surrogate. Also, filmmakers, musician, writers and other artists have accepted and incorporated so many global trends that this minute detail of linguistics is irrelevant to their expressiveness and a mere niche of a few academics.

But then why, I ask myself as an actor who works as a voice-artist occasionally, is dubbing still such a big business in this country? Do we really want to hear our language when we watch a movie, even though it is askew and slightly off?

Well, there’s one catch: being almost bilingual doesn’t make it any easier for me when it comes to watching French movies. So, with respect to the level of command of the original language dubbing seems to be the lesser of two evils. And therein, I guess, lies the dilemma of my argument.

Ostern

Karfreitag. „Heute ist Geburtstag“, sagt Philipp und rennt völlig aufgekratzt durch die Wohnung, vermutlich mit Bildern von Kuchen und Geschenken und Kakao im Kopf.

Das Missverständnis begann mit dem Wunsch, gekochte Eier zum Frühstück zu essen. Da keine mehr im Kühlschrank waren, schlug er vor, welcher zu kaufen. “Das geht nicht, heute sind alle Läden zu, heute ist Feiertag.“ Feiertag bedeutet natürlich, dass es was zu feiern gibt. Und im Kindergarten ist das üblicherweise ein Geburtstag.

Karfreitag liegt auf dem Partykompass in entgegengesetzter Richtung, bildet sozusagen das Gegenstück zum Geburtstag, ein um 180 Grad gedrehter Feieranlass. Das ist einem Vierjährigen, der das Gesamtpaket Ostern vor allem mit Schokolade in Stanniol verbindet, aber schwer zu vermitteln.

Prompt stoße ich ein paar Minuten später beim Frühstückssurfen auf die Meldung, dass in Florida jeden Tag einmal eine Kreuzigung zelebriert wird (No intermission). Die Webseite „The Holy Land Experience“, einem religiösen Themenpark in Orlando, Florida, ist eine Fundgrube für alle, die religiösen Kitsch und Geschichtsklitterung schätzen. Die in Blau, Lila und Gold gehaltene Gestaltung mit verzuckerten Bildrahmen im Disney-Stil lässt keine Trash-Wünsche offen.

Eines der ersten Fotos zeigt Jesus, der von römischen Wachen durch die engen Gassen Jerusalems getrieben wird. Besonders beeindruckend das archäologisch bedeutende Schild mit dem altertümlichen Schriftzug „Jerusalem Market Street“. Jerusalem, du wilde alte Dame, polyglott und wahrsagerisch zugleich, Du wusstest selbstverständlich, dass ausgerechnet die Angelsachsen sich 2000 Jahre später in den Sümpfen am Golf von Mexiko ein New Jerusalem errichten würden und warst bereits des Englischen mächtig (An dieser Stelle liebe Grüße an meine Anglistik-Dozenten, die mir dieses brisante Detail des amerikanischen Gründungsmythos vorenthalten haben) Mich erinnert das an die Amphoren aus den Ägäis, die ich als Kind auf Kreta gesehen habe, auf deren Unterseite in den Ton eingeritzt „500 B.C.“ stand.

Für mich als bühnenauftretender Künstler aber ist das Highlight auf dieser Seite „The Holy Land Experience Center for the Arts“. Die Darstellung der Kreuzigung nebst Auferstehung (schon 15 min später) wird nicht wie in Bayern üblichen ortsansässigen Laiendarstellern überlassen, sondern stützt sich auf eine extra für diesen Zweck ins Leben gerufene (ich weiß) Schauspielakademie, in der religiöser Bühnennachwuchs fachkundig geschult wird. Hier lernen die Jesus-, Maria- und Jüngereleven, wie Wunder und Heilung, Lobpreisung und Anhimmeln (Arme gestreckt parallel langsam nach oben führen) für ein breites Publikum wirksam in der Freilichtkulisse zelebriert werden, und die bösen Römerbuben dürfen sich in bester Methodacting-Manier mit Schaumgummipeitschen am mit Theaterblut besudelten Hauptdarsteller abarbeiten.

Während der ca. 75-minütigen Show sind alle Imbissbuden geschlossen. Das ist sinnvoll, denn während einer Kreuzigung Fastfood zu essen scheint geschmacklos (!) und könnte zu unappetitlichen Würgereflexen führen, obwohl es durchaus den damaligen Verhältnisse entspräche und für die Zuschauer sicher noch eine Schippe Authentizität drauflegen würde.

„The Holy Land Experience brings together the sights and sounds of the world of the Bible in a unique and interactive way unlike anywhere else.“ Dieses Versprechen in der Ankündigung macht mir besonders im Hinblick auf den interaktiven Charakter der Show schon ein wenig Angst. Wer oder Was sind wir bei diesem Bibel-Live-Event? Römer, Juden, oder gar Amerikaner, soeben eine Zeitraummaschine entstiegen?

Auf jeden Fall gibt es sprechende Löwen (Circus Maximus lässt grüßen), ein Figurenkabinett, um noch Unentschlossene zu bekehren (bring an unsaved one!), Kindertheater im „House of Judea“, „Calvary’s Garden Tomb“ mit einem praktischen Scheibenstein, der vor den Eingang des Grabes gerollt werden kann und direkt darüber das Kreuz Golgatha, an dem Jesus für die Sünden der Menschheit starb (Genau hier). Beziehungsweise stirbt.

Und täglich grüßt die Kreuzigung, 75 Minuten lang.